Künstliche Befruchtung – ein Erfahrungsbericht

Im Alltag wird leider zu oft über künstlicher Befruchtung und unerfülltem Kinderwunsch geschwiegen. Paare, die bereits länger probieren schwanger zu werden, getrauen sich in ihrem sozialen Umfeld oft nicht darüber zu sprechen. Dabei leiden so viele Paare darunter. Eine liebe Mama hat sich bereit erklärt, ihre Erfahrung aufzuschreiben – und würde bereit stehen, eure Fragen hierzu zu beantworten…

Der erste Kinderwunsch

2017 beschlossen wir (ich 37, mein Mann etwas älter) meine Spirale herauszunehmen. Mein Kinderwunsch war seit anfangs Jahr sehr gross, ich war ja auch nicht mehr ganz so jung. Ich hatte ein gutes Verhältnis zu meiner damaligen Frauenärztin und wir haben über den Kinderwunsch gesprochen. Sie hat mir ein paar Fragen zu meinem Zyklus gestellt, Dauer, Eisprung… und sie hat bemerkt, dass meine zweite Zyklushälfte etwas kurz ist, Gelbkörperinsuffizenz. Dies war aber kein grosses Problem, es kommt häufig vor bei nicht mehr ganz jungen Frauen und kann mit einem Medikament verbessert werden.

In den folgenden Monaten schrieb ich alles genau auf. Ich spüre meinen Körper recht gut und so „wusste“ ich ungefähr, wann die besten Tage für Geschlechtsverkehr sein würden. Man sagt ja,  es kann bis 12 Monate dauern, bis man schwanger wird, aber da ich nicht mehr so jung war, wollte ich einfach nicht so lange warten. So untersuchte meine Frauenärztin meinen Zyklus nach etwas 6 Monaten einmal ganz genau. Wie sind die Werte von all den Hormonen… ich begann zu begreifen, wie komplex das alles ist. Ausser dieser Gelbkörperschwäche war aber alles in Ordnung und es hiess, dass sich nun halt auch mein Mann testen lassen müsse, resp. seine Spermien getestet werden müssen. Er war mässig begeistert davon, aber er war einverstanden.

Einige Tage später kam per Post das Ergebnis aus dem Labor. Wir wussten mit all den Zahlen und Werten erst nur wenig anzufangen, aber nach einigen Recherchen im Internet wurde klar, die Spermien sind alles andere als gut. Falsche Form, schwammen in die falsche Richtung und es waren viel zu wenige. Nicht nur etwas war nicht gut, nichts war gut! OAT Syndrom. Für uns ist eine Welt zusammen gebrochen, ich werden diesen Moment, diese Tage nie mehr vergessen. Ich fragte mich, wie das Leben ohne Kinder weiter gehen soll. Waren wir unterwegs, sahen wir überall nur Kinder und es tat schrecklich weh. 

Ich hatte mich nie mit künstlicher Befruchtung auseinander gesetzt und plötzlich war dies unser nächster Gedanke. Ein Kind aus dem Reagenzglas sozusagen. Wir haben viel darüber gesprochen und recherchiert. Die Hoffnung, dass doch nicht ganz alles verloren ist, hat uns sehr viel Kraft gegeben, auch wenn man nicht weiss, ob es klappen wird oder nicht.

Recht bald haben wir bei einer Kinderwunschpraxis einen Ersttermin vereinbart. Wir mussten etwa 5 Wochen warten, eine lange Wartezeit. Im Juni 2018 hatten wir dann den 1. Termin. Unser Arzt erzählte uns ausführlich, welche Möglichkeiten es gibt, wie die Chancen sind. Nüchtern, aber halt so, wie es der Realität entspricht. Für uns war beide klar, dass wir es versuchen wollten und wir wollten auch keine Zeit verlieren. Da die Spermien so schlecht waren, blieb für uns nur ICSI (intracytoplasmatische Spermieninjektion), aber das spielte uns dann auch keine Rolle mehr. 

Unterdessen hatte mein Mann mit Akupunktur begonnen, damit seine Spermien stärker werden. Auch ich ging etwas später regelmässig hin. Es tat mir gut, entspannte mich und mein Körper wurde gut vorbereitet. Ich „machte“ etwas, fühlte mich irgendwie aufgehoben und konnte etwas reden. 

Die Stimulation und der Tag der Punktion

Bald konnte ich mit der Stimulation beginnen. Das hat mir sehr geholfen, endlich ging es los. Ich musste mir jeden Morgen eine Spritze geben, damit nicht nur eine Eizelle reift sondern ganz viele. Ich musste alle paar Tage zur Kontrolle, ob ich darauf anspreche, ob sie gut reifen… Zum Glück spürte ich kaum Nebenwirkungen, ausser dass mein Bauch etwas dicker wurde durch die Stimulation. Dann, zum genau geplanten Zeitpunkt, war die Punktion. Die reifen Eizellen wurden entnommen. Das war der „grösste Eingriff“. Ich war danach erschöpft und es brauchte ein paar Tage, bis ich wieder ganz bei Kräften war. Am Tag der Punktion, musste mein Mann von seinen Spermien geben, damit die entnommenen Eizellen befruchtet werden konnten. Es war alles mit viel Spannung verbunden. Wieviele Eizellen würden überleben, würden so gut sein, damit sie befruchtet werden können und liessen sich schlussendlich befruchten… So vieles muss stimmen, damit eine Schwangerschaft zustande kommt, das war mir nicht bewusst, ein grosses grosses Wunder. Und die Natur macht das einfach so, unglaublich.

Mein Körper hat gut reagiert auf die Stimulation, es konnten für mein Alter recht viele Eizellen entnommen werden. Dies ist jedoch auch „nötig“, denn bis man eine befruchtete Eizelle hat, scheiden noch viele viele aus. Wir hatten schlussendlich 6. Diese liess man 5 Tage zu sog. Blastozysten reifen, 2 entwickelten sich nicht weiter. Uns blieben also 4  Blastozysten bereit zum Einsetzen. Immerhin. Da die Gefahr einer Überstimulation bestand, konnte nicht gleich eine eingesetzt werden. Ich fand das natürlich überhaupt nicht gut, ich wollte weiter machen. Es war wie ein Sog!  Aber es blieb nichts anderes übrig als einen Monat zu warten. Warten muss man sowieso die ganze Zeit. Immer wieder. Endlos lange. Es vergehen Tage, Monate, das Leben geht weiter, man meistert den Alltag… aber eigentlich, am Ende des Tages, drehte sich alles nur immer um den Kinderwunsch.

Es vergehen Tage, Monate, das Leben geht weiter, man meistert den Alltag… aber eigentlich, am Ende des Tages, drehte sich alles nur immer um den Kinderwunsch.

Ständige Fragen, Zweifel, Hoch und Tiefs. Wir haben immer daran geglaubt, oder versucht, daran zu glauben, dass es klappen wird. Aber es war eine sehr schwierige Zeit. Einen Monat später also, konnte der Transfer stattfinden.

Der Transfer

Der grosse Moment. Die befruchtete Eizelle wurde aufgetaut und etwas später eingesetzt, der Eisprung zuvor ausgelöst, mein Körper durch Medikamente vorbereitet. Ein kleiner Eingriff, 10 Minuten. Wieder warten. Knapp zwei Wochen. Tage der Unruhe, Ungeduld, Gedanken aller Art. Dann der Bluttest am Morgen, am Nachmittag das Telefon. Schwanger oder nicht. Und ich war es. Wir waren so unglaublich glücklich, es hat gleich geklappt, wir konnten es kaum glauben. Klar, es heisst noch nichts, doch im Moment war alles gut. Im ersten Ultraschall, etwa 2 Wochen später, war der Embryo jedoch nicht sichtbar. Der Arzt meinte, er wäre noch sehr klein, manchmal wären die Geräte nicht in der Lage ihn dann zu sehen, gerade wenn der Embryo am Rand liegen würde, aber er könnte auch einfach zu klein sein. Damit haben wir nicht gerechnet, wir haben gar nicht daran gedacht, dass es so ein Ergebnis geben könnte.

Traurige Nachrichten

Wieder mussten wir warten. Wir versuchten positiv zu bleiben, aber es war schwierig. Eine Woche später wieder Ultraschall. Nun war der Embryo zu sehen, das Herzchen schlug, aber er war etwas zu klein. Wir hofften das Beste. Ich litt seit Anfang an starker Übelkeit und eines Abends konnte ich sehr gut essen, in der Nacht hatte ich ein schlechtes Gefühl, und in den folgenden Tagen war die Übelkeit viel schwächer. Ich ahnte, dass dies kein gutes Zeichen ist. Im Ultraschall konnte man keinen Herzschlag mehr sehen. Das war unglaublich traurig. Alles war man hatte, alle Hoffnung, alles Glück plötzlich weg. Ich musste ein Medikament nehmen, damit sich die Gebärmutter zusammenzieht, da ich bislang keine Blutung hatte. Und dann kamen Krämpfe und viel, viel Blut. Ich konnte nur auf der Toilette sitzen und zusehen, wie unser Baby das Klo runterfloss. Eine sehr schmerzhafte Nacht. Ich wollte keine Ausschabung, musste immer wieder zur Kontrolle, um zu schauen, ob sich alles Gewebe löst. Es brauchte wieder viel Zeit und mein HCG-Wert ging nur sehr sehr langsam runter, es dauerte etwa zwei Monate. Irgendwann wollte ich doch einer Ausschabung zusagen, doch dann war es endlich gut, die Gebärmutter war wieder im „Normalzustand“, das HCG unten. 

Der zweite Versuch

Obwohl eine Fehlgeburt eine sehr traurige Erfahrung ist, wir wollten es weiter versuchen und wir hatten neue Kraft. Wir hatten ja noch 3 eingefrorene Blastozysten. Also der nächste Transfer, neue Hoffnung. Wieder warten. Noch vor dem Bluttest spürte ich eine feine Übelkeit und ich war tatsächlich wieder schwanger. Natürlich waren wir sehr glücklich, aber wir waren auch vorsichtig. Wir wussten nun, was in den ersten 12 Wochen alles passieren kann! Ich hatte ganz früh einmal eine Blutung und wir sind sehr erschrocken, doch wie wir erfahren haben, kann es das einfach geben. Zum Glück ist dann aber alles gut gegangen.

Mir war zwar praktisch die ganze Schwangerschaft übel und ich hatte eine tiefliegende Plazenta, was dazu führte, dass ich aus Sicherheit nicht natürlich gebären konnte, aber wir durften Ende 2019 ein gesundes Büblein zur Welt bringen. Wir sind noch immer unglaublich dankbar. Jeden Tag schenkt uns dieses kleine Menschlein viel viel Kraft und Freude! Ich bin unterdessen fast 41 und natürlich machten wir uns Gedanken über ein zweites Kind. Zudem mussten wir uns Anfang 2020 entscheiden, ob ich noch einmal Stimulieren möchte, um neue Eizellen zu haben. Dies hätte, aufgrund meines Alters, so rasch als möglich sein müssen, denn ab 40 verschlechtert sich die Qualität der Eizellen stark. Ich hätte abstillen müssen, war für mich so abrupt nicht möglich war.  

Der Wunsch nach einem zweiten Kind

Zwei Versuche hatten wir ja noch, auch wenn die Chance, dass es noch einmal klappen würde, laut Statistik, sehr klein war. Das Schicksal sollte entscheiden. Ende 2020, wollten wir es wieder versuchen. Es war auch eine Anspannung für mich, ob es noch einmal klappen würde oder nicht. Ich stillte langsam ab und genau zum 1. Geburtstag hat unser Sohn das letze Mal getrunken. Für den Transfer musste ich leicht stimulieren, daher durfte ich nicht mehr stillen zu diesem Zeitpunkt. Wir kannten alles schon, zudem war da unser Sohn, der uns ablenkte. Der Transfer lief gut und natürlich waren die Tage danach wieder schwierig.

Mir war wieder früh übel, dies hat mich „beruhigt“ und tatsächlich, ich bin wieder schwanger. Ich traute kaum, es zu glauben. So ein unglaublich grosses Glück, es konnte kaum wahr sein. In den ersten 12 Wochen war ich daher sehr zurückhaltend mit dem Gedanken, wirklich noch einmal ein Baby bekommen zu dürfen. Doch nun bin ich in der 18. SSW und alles ist gut. Keine Blutung, keine Beschwerden, alles bislang ohne Probleme. Wir sind überglücklich. Ich erinnere mich gut, wir ich weinte und sagte, mit Glück werden wir vielleicht ein Kind haben, wohl nie aber zwei. Und nun werden wir im Sommer 2021 zu viert sein! Es war ein harter Weg, wir haben jedoch immer daran geglaubt und es hat sich gelohnt, immer wieder nach vorne zu schauen. Man weiss nie, wie es kommen wird, wenn man diesen Weg geht. Es ist eben alles möglich!

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.